Theologisches Gespräch 4/2018

Ökumene ist mehr als nur der Dialog zwischen den großen  traditionellen Volkskirchen. Die Freikirchen haben allerdings keinen Grund, sich schmollend in eine Ecke zurückzuziehen. Im deutschsprachigen Raum mögen sie eine Minderheit in der kirchlichen Landschaft darstellen. Auf weltweiter Ebene allerdings finden sich die freikirchlichen Denominationen stark vertreten. Dabei mag es in ihren Anfängen vielfach um Abgrenzung von den vorherrschenden Staatskirchen gegangen
sein, schon bald allerdings waren sie engagiert dabei, konfessionsübergreifende Netzwerke zu bilden. So sind sich Freikirchen ihrer Besonderheit und Stärke im Engagement sowie auch ihrer Begrenztheit bewusst. In ihrem Bemühen, nicht nur
das Miteinander der Christen (z. B. in der Evangelischen Allianz), sondern auch das der Kirchen (z. B. in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen) zu stärken, kommen sie dem Gebet Jesu um die Einheit seiner Jünger (Joh 17, 20-21) nach und
erfahren darin auch Glaubensstärkung und Weitung ihres Horizonts. In den Aufsätzen dieses Heft es beleuchten die Autoren jeweils aus landeskirchlicher und aus freikirchlicher Perspektive den mühevollen, aber lohnenswerten Weg der multilateralen Ökumene, im Bewusstsein, dass das, was die Kirchen unterscheidet, seine
Gründe hat und diese Unterschiedlichkeiten die Ökumene auch bereichern.

 


Prof. Dr. Bernd Oberdorfer, Ordinarius für Systematische Theologie am Institut für Evangelische Theologie an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg, erläutert in seinem Aufsatz, inwiefern die Reformation ein öffnendes und gleichzeitig ein abgrenzendes Geschehen war. Er thematisiert dabei auch das Verhalten der obrigkeitlichen Kirchen gegenüber den Täufern im 16. Jahrhundert und schlägt von daher Wege des Dialogs, pendelnd zwischen dem Bewusstsein der eigenen Identität und der Offenheit für den Andern, vor.
Dem folgt ein Aufsatz von Siegfried Grossmann, ehemaliger Präsident des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden und jetzt Pastor im Ruhestand, den das ökumenische Miteinander über Jahrzehnte stark beschäftigt hat. Unter der Überschrift „Ökumene als Teilhabe“ skizziert er einen Weg, auf dem sich alle
Kirchen, und besonders die Freikirchen, selbstbewusst einbringen und doch aufeinander hören können, und macht Vorschläge, wie man auch in bisher strittigen Fragen in ein konstruktives Gespräch kommen kann. Im Blick auf das kommende Weihnachtsfest liegt der Predigtwerkstatt eine Weihnachtspredigt von Lars Linder, Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Essen-Mitte über Titus 2, 11-12 zugrunde. Kommentiert wird die Predigt von Christina Döhring, Pastorin der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Siegburg.
Michael Kißkalt (Schriftleitung)

Rezenzion

Bernd Oberdorfer hinterfragt in seinem Artikel „Erneuerung und Abgrenzung. Die Reformation als Öffnungs- und Schließungsgeschehen“ die von der EKD in Bezug auf das Reformationsjubiläum postulierte Befreiungsbewegung. Er zeigt auf, wie aus den reformatorischen Befreiungsbestrebungen, weg von der institutionalisierten Vergebung und Bevormundung der Gläubigen durch die damalige katholische Kirche, selber eine Institution wurde, die andere in ihren Freiheiten beschnitt und bevormundete. Das wurde besonders am linken Flügel der Reformation und den Täufern deutlich, die von ihr ausgegrenzt und unterdrückt wurden. Ökumenisch offen war die Reformation damals nicht wirklich, weder in lutherischer noch in reformierter Hinsicht. Ihr Hemmschuh war die politische Rückbindung, was meines Erachtens auch heute noch in Teilen spürbar ist.

Nun könnten wir uns zwar einerseits als Freikirchen in der Opferrolle sehen, aber vielleicht auch die Chance nutzen, einmal darüber nachzudenken, wie viel Freiheit wir anderen gewähren, wo doch „frei“ sogar Bestandteil unserer Benennung ist. Es soll ja Freikirchler geben, die behaupten, wir hätten die Reformation konsequenter als die Reformatoren selbst durchgezogen. Trifft das auf unser Freiheitsverständnis ebenso zu? Wie frei sind wir, anderen ihre andere Konfession oder Religion zuzugestehen, ohne einen Identitätsverlust zu erleiden? Das wäre sicherlich ein schönes Hauskreisthema.

Siegfried Großmann gibt da quasi eine Antwort in seinem Artikel „Ökumene als Teilhabe“, in dem er sich gegen eine Einheitskirche und für eine verstärkte Einheit im Glauben und im Geist ausspricht. Dem anderen trotz Andersartigkeit seinen Glauben glauben und eine gemeinsame alltagstaugliche Spiritualität entwickeln. Diese ökumenische Spiritualität nimmt Anteil und gibt Anteil, anerkennt, wie jede christliche Glaubensgemeinschaft einen Teil der Gemeinschaft widerspiegelt und sich für gesellschaftliche Veränderungen einsetzt. Seine Impulse in Hinblick auf Taufe, Abendmahl und Amtsverständnis könnten einen Schritt aufeinander zu bedeuten.

Pastorin Silke Tosch