Was gegen die Angst vor Flüchtlingen hilft – Vorträge von Prof. Zulehner vom 12. Mai zum Download

Vorträge von Professor Zulehner am 12. Mai in der Theologischen Hochschule Ewersbach

Was hat unsere Kindheit damit zu tun, wie wir den Zustrom der Flüchtlinge erleben? Offenbar deutlich mehr, als man gemeinhin annimmt.

Professor Zulehner am Rednerpult

Mit Prof. Paul M. Zulehner hatten wir einen der bekanntesten Religionssoziologen Europas bei uns zu Gast. In der öffentlichen Vorlesung am Nachmittag befasste sich Prof. Zulehner vor 90 Hörern mit der Frage „Welche Kirche braucht die Zukunft?“ Der Vortrag zur Flüchtlingsthematik am Abend war von 220 Zuhörern besucht.

Prof. Zulehner – Vorlesung am Nachmittag.mp3 (Einleitungsteil fehlt)

Prof. Zulehner – Abendvortrag.mp3

Handzettel für beide Veranstaltungen (PDF)

Westeuropa, so Zulehner, lebe spätestens seit der Finanzkrise in einer Kultur der Angst. Amerika sei schon mit den Anschlägen vom 11. September 2001 davon erfasst. Dagegen stehe der Kontinent der Hoffnung mit China, Indien und Japan – „das sind Menschen, die etwas erreichen wollen“ –, wobei diese Hoffnung auf die Bevölkerung, nicht aber auf die Regierungen zutreffe. In der arabischen Welt wiederum herrsche das Gefühl vor, vom reichen Westen gedemütigt zu werden.

In dieser politischen Großwetterlage habe die große Flüchtlingsbewegung eingesetzt und die bereits bestehenden Ängste weiter verstärkt. In einer Studie mit 3000 Befragten reagierten nur 26 Prozent mit Zuversicht auf diese Bewegung, 53 Prozent zeigten sich besorgt und 17 Prozent äußerten eine klare Ablehnung.

Es sind vor allem soziale Abstiegsängste, die Furcht vor sinkendem Wohlstand, zu dem nun die Angst komme, die Flüchtlinge könnten als billige Arbeitskräfte eine zusätzliche Konkurrenz bilden. Ergänzt werde dies durch biografische Ängste, etwa vor dem Tod oder dem Verlust eines Angehörigen. Die dritte Form von Angst sei die, zu kurz zu kommen. Das Leben werde als letzte Gelegenheit begriffen, die übersteigerte Suche nach dem Glück auf dieser Erde führe zu einem permanenten Konkurrenzdenken und einem hohen Zeitdruck.

Diesem empirischen Befund hatte Zulehner die soziologischen Analysen der Soziologin Monika Renz vorangestellt. Nach den paradiesischen Erfahrungen im Mutterschoß entstehe in den Kindern mit der Geburt so etwas wie eine Urangst: „Schaffe ich das?“ Um das Vertrauen zu gewinnen, brauche das Kind einen Raum der Liebe und Verlässlichkeit im Elternhaus. Was aber passiert, wenn es an diesem festen Land fehlt? „Dann greifen die Menschen zu Selbstsicherheitsstrategien aus Gewalt, Gier und Lüge“, erklärte Zulehner und deckte diese Strategien in der aktuellen politischen Diskussion auf. Mit Gewalt werde auf die reagiert, von denen man sich bedroht fühle, zugleich würden Mauern um den eigenen Wohlstand gezogen und schließlich dieses Verhalten mit Lügen gerechtfertigt.

Diese Ängste würden massiv unterstützt durch eine Politik der sprachlichen Gewalt. Aus dem symbolischen Galgen für Merkel und Gabriel seien Messerstiche für die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin geworden. Das politische Geschäft mit der Angst sei in ganz Europa festzumachen. Aus Angst tendieren die Wähler nach rechts.

Die schändlichen Massaker des Islamischen Staats würden auf den Islam verallgemeinert. Aber, erinnerte Zulehner: Im 30-Jährigen Krieg wurden bis zu 70 Prozent der Andersgläubigen von Christen umgebracht. Europa habe auch deshalb eine so säkularisierte Position, weil die religiös motivierte Gewalt so viel Schrecken gebracht hatte. Falsche Verallgemeinerungen schürten nur weiter die Ängste.

Deshalb wolle die Fraktion der Ablehner um ihren „Heiligen“ Victor Orban Europa zu einer Festung ausbauen. Weil in Nordafrika etwa 800 000 „Hoffnungsflüchtlinge“ – „sie haben die Hoffnung verloren, dass sich an ihrer schlechten Situation irgendwann etwas ändern wird“ – bereit seien zum Übersetzen nach Europa, wolle man den Brenner schließen. Mit diesen, die jetzt wieder zu Wirtschaftsflüchtlingen umgedeutet würden, komme Kriminalität und Terror, so suggeriert es die Angst. Um 300 Prozent gestiegen sei aber die Kriminalität der Einheimischen gegen die Flüchtlinge. „Die islamische Bevölkerung wird uns niedergebären“, laute eine weitere Angst. Eine Studie habe aber gezeigt, dass junge muslimische Frauen in Europa die gleiche Geburtenrate wie die Einheimischen aufweisen. Die durchaus logische Schlussfolgerung der Ängstlichen laute: totale Abwehr. „Durch die neuen Zäune ist vor allem das Geschäft der Schlepper noch mehr aufgeblüht“, erklärte Zulehner.

„Bislang glaubten wir noch, in einer Wüste der Armut eine Oase des Wohlstands halten zu können.“ Das sei ein Irrglaube. Zu den vielen, die schon im Land seien, würden in den kommenden Jahren weitere Flüchtlinge hinzukommen. 500 Jahre Kolonialismus zahlten sich jetzt aus. Deshalb würden für die Integration engagierte Menschen benötigt. „Es braucht also im Land viele Leute, die nicht hetzen, sondern helfen“, forderte Zulehner und zeigte sich zugleich stolz darauf, was bislang schon von den Kirchengemeinden geleistet worden sei. Aber für die immer noch zu hörende Erklärung „ich kann ein guter Christ sein, auch wenn ich keinen aufnehme“ müsse man in der Bibel schon sehr viel überlesen.

Gegen die bestehenden Ängste aber lasse sich etwas tun, so Zulehner. Dazu gehörten politische Maßnahmen wie die Aushandlung eines Waffenstillstand, ein Ende der Waffenlieferungen, Nahrung und Bildung für die Flüchtlingslager, eine kontrollierte Aufnahme in Europa und ein Marschallplan für den anstehenden Wiederaufbau.

Eine Bildungsoffensive sei der zweite Baustein, zu dem eine umfassende politische Bildung ohne Generalisierungen ebenso gehöre wie eine interreligiöse Bildung. Christen, Juden und Muslime hätten das Erbarmen als gemeinsamen Nenner. Eine negative Rolle komme den so genannten sozialen Medien zu, die keinerlei ethische Kontrolle aufwiesen.

Als dritten Baustein nannte Zulehner gemeinsame Feiern und Begegnungen. Wer die Menschen und ihre Geschichten kennenlerne, verändere sein Urteil und verliere die Angst. Es gelte gemeinsam zu feiern, sich über Kultur und die Küche auszutauschen. Schließlich helfe auch das gemeinsame Beten. „Wir sollten so viel Gottvertrauen erwecken, dass die Angst unterliegt, sie weglieben. Wir schaffen es, weil Gott uns zur Seite steht“, schloss Zulehner seinen Vortrag zuversichtlich.

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